Scharfzüngige Momentaufnahmen

von Barbara Barth

Beilstein - Beifall ist ein schönes Geräusch, findet Richard Rogler. Die rund 200 Zuhörer in der Beilsteiner Stadthalle spenden ihn reichlich. Nach seinem über zweistündigen Programm "Ewiges Leben" verspricht der Kabarettist deshalb, wiederzukommen - "wenn Sie auch alle wieder da sind".

Richard Rogler
Richard Rogler

Der 59-jährige Wahl-Kölner, ein Star der Kabarett-Szene seit vielen Jahren, stürmt auf die Bühne. Ganz hinten ein kleiner Tisch mit Wasserglas und 40 Seiten Kabarett-Text. Hineinschauen muss Rogler kein einziges Mal. Er wirbelt vorne an der Rampe wie ein Derwisch, fuchtelt mit den Armen, vergräbt die Hände auch mal in den Taschen seines schwarzen Anzugs, um sie sofort wieder herauszuholen und ausladend zu schwadronieren.

Das Superwahljahr '09 ist ihm Anlass genug, sich wortreich über die trostlosen Sonntage auszulassen, an denen sein Kreuzchen gefragt ist. Dass sich "keine Sau für Politik interessiert" hängt für ihn ursächlich mit den trostlos-unschönen Wahllokalen zusammen: Kölner Vorschule, Buchstabe R, vierter Stock, der Vorhang vor der Wahlkabine seit 15 Jahren nicht mehr gewaschen. Aber die Wahl sei sowieso gelaufen. "Angela und die von der Dings machen das." Trotz Kauder und Pofalla.

Dass die Deutschen die Hinweisschilder "verkehrsberuhigte Zone" so ernst nehmen, beunruhigt Rogler. "Die Jugend weiß gar nicht mehr, wie's geht", klagt er. "Der Deutsche vermehrt sich einfach nicht mehr." Als neue Pflicht der Kabarettisten beschreibt Rogler "das Lob auf die Große Koalition". Wie die das in der Finanzkrise mit dem Geld gemacht hätten - große Klasse. "Wenn wir alle fünf Jahre so eine Krise hätten, dann bekäme jeder ein neues Auto."

Ostwestfälisches Nach 20 Minuten pirscht sich Rogler unmerklich an einen gewissen Günter heran, den einzigen Bundestagsabgeordneten ohne Nebentätigkeit. Wie auch. Günters Wahlkreis liegt im Ostwestfälischen. Die Hälfte seiner Wähler grunzt und trägt Ringelschwänzchen. Seit zehn Jahren ist der SPD-Hinterbänkler allerdings aus dem Bundestag verschwunden. Wahrscheinlich, so vermutet Rogler, hält er sich in einer alten Wassermühle im Rothaargebirge auf, die Steuerberater Manfred gekauft hat, um herauszufinden, ob seine archaischen Kräfte noch funktionieren.

Landschaftlich sehr schön, wenn man ein Reh ist. Hier verwirklicht sich Manfred als Hobbyspitzenkoch mit Kochfeld, Riesenabzugshaube und 22 Kilo schwerer Espressomaschine mit pneumatischem Hebel. Bissig, rhetorisch brillant seziert Rogler Manfreds Gewohnheiten. Wie er den Barriquewein junger deutscher Winzer degustiert und die Crema auf den Jahrgangsespresso fabriziert - Rogler massiert das Zwerchfell fast ohne Pause. Toskana im Rothaargebirge.

Angie, Münte, Strucki Schwuppdiwupp findet er den Weg wieder zu Angie, Münte und Strucki, erklärt atemlos Peer Steinbrücks Gegenfinanzierung, landet beim polnischen Spargelstecher und bemitleidet Frank-Walter Steinmeier, der in einem Hotel am Schwielowsee zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde. "Was sind denn das bitteschön für Bilder, mit Fischreiher und Segelboot im Hintergrund?"

Rogler entlarvt vordergründig menschliche Schwächen seiner Figuren, piekst aber hintergründig politische und gesellschaftliche Missstände aus der Schieflage der Nation auf. Es sind scharfzüngige Momentaufnahmen von Gefühlen und Befindlichkeiten. Privates und Politisches fließt ständig ineinander. Wie in einem Domino-Spiel fällt der nächste Gedanke, wenn der vorige angetippt wurde. Das ist die große Kabarettkunst.

Heilbronner Stimme, 09.03.2009

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